Betrifft Kinder

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Wie Kinder den Sozialraum eines Bergdorfes beleben

Landflucht ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz ein großes Thema. Im Bergdorf Bratsch im Schweizer Kanton Wallis z.B. lebt seit vielen Jahren nur noch ein einziges schulpflichtiges Kind. Wie es dazu kam, dass 31 Kindergartenkinder und SchülerInnen nicht nur dem stillgelegten Schulgebäude, sondern dem ganzen Ort neues Leben einhauchen, berichtet Jutta Gruber.



Irgendwann dämmerte den letzten EinwohnerInnen des Bergdorfes Bratsch im Schweizer Kanton Wallis, dass in ihrem Ort seit geraumer Zeit nur noch Beerdigungen und keine Taufen mehr gefeiert werden und sich daran von selbst auch nichts mehr ändert. Die Aussicht auf besser bezahlte Arbeitsplätze lockt die jungen Leute seit Jahrzehnten ins Tal. Im Jahr 2015 lag der Altersdurchschnitt der verbliebenen 120 EinwohnerInnen bei rund 58 Jahren und die Schule stand – weil nur noch ein einziges schulpflichtiges Kind im Ort wohnte – bereits seit sechs Jahren leer. Als dann auch noch der kleine Dorfladen schließen musste und die letzte Kneipe kurz vor dem Ausstand, beschloss man aktiv zu werden und gründete Anfang 2016, in Anlehnung an den bevorstehenden 800. Geburtstag der kleinen Gemeinde, die Entwicklungsinitiative fokus800.  





Etwa zur selben Zeit reifte in Damian Gsponer – damals noch Schulleiter im Tal – die Idee, eine Schule mit integriertem Kindergarten zu gründen, in der Kinder selbstbestimmt lernen, spielen und forschen können. Rasch war allen Beteiligten klar, dass Bratsch alles bietet, was sich Gsponer für seine Kinder wünscht: Jede Menge Natur, viel Sicherheit – Bratsch ist ein Sackgassendorf mit wenig Verkehrsaufkommen – und ein Schulgebäude, dessen Substanz richtig gut in Schuss war. »Renovieren mussten wir nur wenig. Insbesondere bei den Arbeiten, für die uns selbst das Knowhow fehlt, fand sich immer jemand aus dem Ort, der uns half«, erzählt er mir auf unserem Rundgang durch das dreistöckige Schulgebäude.


Wenn zusammenkommt, was zusammengehört

Schulstart war nach den Sommerferien 2016. Seit Beginn des Schuljahres 2017/ 2018 kommen mit 31 Kindergartenkindern und SchülerInnen bereits doppelt so viele Kinder jeden Morgen mit dem Bus vom Tal in das auf 1090 Meter gelegene Bratsch. »Mit unserer neuen öffentlichen Buslinie ersparen wir den Eltern zweimal täglich sechs Kilometer Serpentinen – und das ist ja nur die einfache Strecke«, überzeugt mich der Schulleiter. »So kommen alle gemeinsam an. Zu unseren Ritualen gehört übrigens auch, dass wir die Kinder an der Bushaltestelle abholen und jedes mit Handschlag begrüßen. Dadurch bekommen wir gleich auch einen Eindruck, wie die Stimmung der Kinder ist und können gegebenenfalls darauf eingehen.« 

Auch mich – ich wagte die bereits beim Blick auf die Landkarte Respekt einflößenden Serpentinen mit meinem eigenen Auto – hatte er am Ortseingang persönlich empfangen und mir den Weg zum Parkplatz gewiesen. 

Nach dem Rundgang durch die Schule nehmen mich der sechsjährige Johann und sein vierjähriger Bruder Michi – in echt heißen sie selbstverständlich ein wenig anders – an die Hand. Sie zeigen mir nicht nur ihre beachtliche Schneckensammlung und den üppig sprießenden Schulgarten, sondern den ganzen kleinen Ort, in dem sie sich schon mächtig gut auskennen. Wo immer es möglich ist, gehen sie nicht die befestigten Wege, sondern kreuz und quer. Jedes Mäuerchen funktionieren sie zum Schwebebalken um und statt den bequemen, aber längeren und langweiligeren Weg zum neuen Spielplatz zu nehmen, kraxeln sie lieber über den kleinen Steilhang dorthin, was sich vor allem für mich als echter Balanceakt erweist. Bei der Neugestaltung des Spielplatzes hatten sich alle Kinder tatkräftig beteiligt. Vor allem bei der Befüllung des großen Sandplatzes hatte er riesig Spaß, erzählt mir Michi.


 



Informationen zur Entwicklungsinitiative der Gemeinde Bratsch finden Sie auf www.fokus800.ch und zur in Bratsch ansässigen, für den Schweizer Schulpreis 2017 nominierten, GD-Schule auf www.gd-vs.ch.


Jutta Gruber M.A. studierte Philosophie, Germanistik und Pädagogik. Sie war Vorstandsmitglied im Bundesverband Natürlich Lernen e.V., lebt und arbeitet als Autorin, Journalistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Berlin und hat eine erwachsene Tochter. 

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Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 10/17 lesen.



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