Betrifft Kinder

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Alles erzählen können

»Der Gedanke war, aus der Sicht eines Kindes zu schreiben. Ich wollte Partei nehmen für das Kind, ohne den Zeigefinger, der zeigt, was richtig ist und was falsch ...«1

Alice Lima de Faria

Wenn wir jemanden HUCKEPACK nehmen, heißt das ja zunächst im Wortsinn: Wir tragen ihn oder sie. Und die meisten von uns werden Kindheitserinnerungen an Situationen haben, in denen sie von einem/einer Älteren HUCKEPACK genommen wurden. Vielleicht waren wir müde oder hatten einfach Lust, getragen zu werden. Vielleicht steckten wir in Schwierigkeiten und brauchten dieses HUCKEPACK im übertragenen Sinn. Wer jedenfalls als Kind verlässlich HUCKEPACK genommen wurde, konnte das damit verbundene Gefühl von Unterstützung und Geborgenheit auskosten. Und dieser Gedanke lässt sich auch aufs Bilderbuch übertragen. Auch Bilderbücher mit ihren Geschichten und Bildern können uns das Gefühl von Unterstützung und Geborgenheit geben. 


Ich war’s nicht!, sagt Robinhund, Held des gleichnamigen ersten Bilderbuchs von Alice Lima de Faria nach allen Missgeschicken, die ihm in der Kita passieren. Und diese Geschichte bietet alles, was ein HUCKEPACK-Preisträger braucht. 






Da ist einmal Robinhund, ein typisches Kind im Kita-Alter, von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt und sich leicht selbst überschätzend, dabei wild und ungestüm. So gerät er in Konflikt mit der Institution Kita, denn Kindheit heißt ja auch, sich einzufügen, Grenzen zu erfahren, soziale Regeln zu lernen. Ein schwieriger Prozess, der nicht ohne Blessuren abläuft. Das wäre die Erwachsenenperspektive. Die wird im Buch zunächst von einer Erzieherin repräsentiert, die sich zwar um verständige Lösungen bemüht (sie macht nach einem Missgeschick Robinhunds den Vorschlag: Vielleicht gehst du jetzt besser nach draußen und spielst mit Fritzi!), der es aber dann letztlich an genauer Wahrnehmung und Empathie für das Geschehen und für Robinhund mangelt. 

Und da ist – glücklicherweise – zum andern der große Bruder Robinhunds, dessen besondere Rolle das Erzählte im Bilderbuch einklammert. Schon zum Einstieg, auf der ersten Seite der Geschichte, heißt es: Robinhund und sein Bruder haben ein Baumhaus gebaut, das ihnen ganz allein gehört. Im Baumhaus kann Robinhund sagen, was er will. Denn seinem großen Bruder kann er alles erzählen.

Und nach einem verunglückten Kitatag – Robinhund fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, denn alles was passiert ist, hat er ja nicht mit Absicht gemacht, heißt es auf der letzten Seite: Und Robinhunds Bruder sagt, dass er das (mit der Absicht, J. H.) auch nicht gedacht hat. Er glaubt Robinhund.

Der Große nimmt den Kleinen HUCKEPACK und damit wechseln wir von der Bilderbuchgeschichte zur Lebensgeschichte der Autorin Alice Lima de Faria. Im Interview (vgl. das Interview in diesem Heft) sagt sie: 

Ich habe drei ältere Brüder, die mich geärgert, mit mir gespielt und mich unterstützt haben ... Und ich habe ein nahes Verhältnis zu allen dreien. Es war natürlich, dass meine Brüder ein Vorbild für den großen Bruder im Buch wurden. Ich wollte am liebsten vermeiden, einen Elternteil in der Geschichte zu haben ... Zu einem Bruder hat man ein einfacheres Verhältnis als zu den Eltern. Das ist eine Relation, die unkomplizierter und bedingungslos ist. 

Wie schreibt man ein überzeugendes Kinder- bzw. Bilderbuch? Der Reformpädagoge Célestin Freinet hat einmal gesagt: »... mein einziges pädagogisches Talent besteht vielleicht darin, dass ich mir einen so vollständigen Eindruck meiner Kinderjahre bewahrt habe, dass ich wie ein Kind empfinde und die Kinder, die ich erziehe, verstehe.«2 

Für Freinet war das eine Antwort auf die Frage, was – unter anderem – eine gute LehrerIn/ErzieherIn auszeichnet. Und vielleicht ist das auch eine Antwort auf die Frage, wie man ein gutes Bilderbuch schreibt. 

Robinhund ist das Debut Alice Lima de Farias als Bilderbuchautorin. Und einmal abgesehen von ihren handwerklich-künstlerischen Fähigkeiten, mit denen sie ihre emotional mitreißenden Figuren gestaltet hat, ist es sicherlich auch ihre Nähe zur eigenen Kindheit, der biografische Kern der Geschichte, dieses vertrauensvolle und bedingungslose Eintreten für jemanden, der sich im Umgang mit der Erwachsenenwelt Blessuren geholt hat, was die Qualität des Erzählten ausmacht.

Ich hatte Lust eine Freundschaft zu schildern, die frei ist von Ermahnungen, wie man sich benehmen soll. Über das Bedürfnis, jemanden zu haben, der einen ohne Vorbehalte versteht.3

Alice Lima de Faria: Ich war’s nicht!, sagt Robinhund. Aus dem Norwegischen von Kerstin Schöps. (Mixtvision 2017)


1 Vgl.: Det var ikke jeg!, sa Robinhund. Ein Interview mit Alice Lima de Faria in Betrifft Kinder extra »Mit dem Herzen beim anderen«
2 Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang. Der Weg des Célestin Freinet, Stuttgart 1981, S. 25
3 Vgl.: Det var ikke jeg!, sa Robinhund. Ein Interview mit Alice Lima de Faria in Betrifft Kinder extra »Mit dem Herzen beim anderen«



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