Betrifft Kinder

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Das Berliner Bündnis Willkommen KONKRET
 

Für die Verbesserung der Lebenswelt geflüchteter Kinder in Berlin engagieren sich seit zwei Jahren Aktive aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Beratung, Therapie, Fort- und Weiterbildung im Berliner Bündnis Willkommen KONKRET. Betrifft KINDER interessierte sich für ihre Anliegen und Strategien und erfuhr, dass Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten auch persönlich bereichert.

Die Kreativpädagogin Dorothee Jacobs (DJ), Dr. Christa Preissing (CP) von der Internationalen Akademie Berlin und Martin Quente (MQ) von Nestwärme e.V. sind von Anfang dabei. Das Interview führte Jutta Gruber.


Das Berliner Bündnis »Willkommen KONKRET« gründete sich im Januar 2015. Wie kam es dazu? 

DJ: Ende 2014 zeichnete sich ab, dass mehr und mehr aus Krisengebieten geflüchtete Familien in Berlin ankommen werden. Ihre Kinder, insbesondere die jüngeren, also die, die noch nicht der Schulpflicht unterlagen, waren weit entfernt vom Zugang zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung. Kaum jemand kümmerte sich um die Umsetzung dieser ihnen laut UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechte. Die Idee zur Gründung einer zivilgesellschaftlichen Initiative von Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Therapie, Fort- und Weiterbildung lag in der Luft. 

MQ: Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Dorothee hielt vielerorts Vorträge zur Situation der geflüchteten Kinder und ihrer Familien, initiierte Gesprächsrunden. Auch mich hat die Idee vomBündnis direkt angesprochen. Obwohl wir bereits 2012 ein Begegnungscafé eingerichtet hatten und uns in dem vom Jugendamt Berlin Kreuzberg eingerichteten Netzwerk schon ganz gut aufgehoben fühlten, waren wir mit vielen Fragen sehr auf uns alleine gestellt. 





Welche Fragen waren das?

MQ: Die zunehmende Betreuung geflüchteter Kinder machte es notwendig, uns mit neuen Schnittstellen, insbesondere mit Themen im Sozialbereich auseinanderzusetzen. Unbekannte zusätzliche Handlungsfelder taten sich auf. Das war für uns, wie auch für unsere KollegInnen im Sozialbereich ein regelrechter interdisziplinärer Sprung. Bei diesem Sprung hat uns das Bündnis sehr geholfen. Zu Beginn tauschten wir uns ja vor allem zum Prozedere aus: Wie läuft eigentlich ein Asylverfahren ab? Mit welchem Status kommen die Flüchtlinge, die Erwachsenen und die Kinder bei uns an? 

Wie bekommt man Zugang zu den Kitas, wie beantragt man einen Kitagutschein? Woran erkennt man eine Traumatisierung? Im Bündnis saßen damals zum Glück auch KollegInnen die bereits Erfahrungen in der Betreuung geflüchteter Kinder hatten und uns viele Antworten geben konnten.



Was will das Bündnis darüber hinaus erreichen?

CP: Das Bündnis gibt uns die Möglichkeit, mit vereinten Kräften den Fokus der Berliner Politik und der Berliner Verwaltung auf die Lebensumstände der Kinder zu lenken. Es ist ja nach wie vor so, dass es mit der Umsetzung der Kinderrechte nicht nur für die Kinder in den Krisengebieten oder auf der Flucht ganz erheblich hapert, sondern auch bei denen, die bereits in Deutschland angekommen sind. Dies wurde aktuell auch im UNICEF-Report 2016 deutlich benannt und angemahnt. 


Woran liegt das?

MQ: Wir können von den neu angekommenen Menschen nicht erwarten, selbst dafür zu sorgen, dass ihre Kinder Zugang zu frühkindlicher Bildung, z.B. einen Platz in der Kita, bekommen. Menschen, die alles hinter sich lassen mussten, die die neue Sprache noch nicht gut oder noch gar nicht sprechen, nicht wissen, ob ihr Asylantrag bewilligt wird, wo sie demnächst wohnen und ob sie Arbeit bekommen werden, haben erst einmal andere Sorgen. Dazu kommt, dass unsere politischen Entscheidungsträger die Situation der Kinder nicht ausreichend auf dem Schirm haben. Das ist weniger eine Frage von Untätigkeit, sondern eher von Überforderung. Deshalb brauchen die neu angekommenen Kinder eine starke Lobby. Dafür sind wir angetreten und das haben wir auch in unserem Positionspapier unterzeichnet.


Im Positionspapier haben die BündnispartnerInnen ihr gemeinsames Selbstverständnis festgehalten?

CP: Genau. Es wurde erstmals im Januar 2015 von 22 Projekten und engagierten Einzelpersonen unterzeichnet. Das war für uns alle ein ziemlich bewegender Moment. Die im Juli 2015 aktualisierte Fassung ist auf unserer Website veröffentlicht. Dort benennen wir unsere grundlegenden Ansichten und Forderungen und erinnern daran, dass Kinder mit Fluchterfahrungen dieselben Grundbedürfnisse haben wie alle Kinder derselben Altersgruppe und dieselben Rechte. Wir weisen auch darauf hin, dass es immer noch zu wenig gesichertes Wissen über ihre Lebensverhältnisse und -erfahrungen gibt und dass den vielen Vorurteilen, Stereotypen und medial vermittelten Bildern differenzierend und aufklärend entgegengewirkt werden muss. 

 

Unicef analysierte die Situation von Kindern in Krisengebieten, auf der Flucht und in den Ankunftsländern und veröffentlichte die Ergebnisse auf www.unicef.de/report2016

Viele Kitas haben inzwischen wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Kindern geflüchteter Familien gesammelt und funktionierende Praxisansätze, Konzepte und Hilfsmaterialien entwickelt. Diese Schätze guter Praxis können kostenfrei in der vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung eingerichteten Datenbank eingesehen werden. Geben Sie dafür das Stichwort »Good-Practice-Datenbank« in die Suchfunktion ein. Es können auch eigene gute Beispiele eingereicht werden. 
www.nifbe.de


Eine umfangreiche Datenbank mit Stellungnahmen und hilfreichen Hinweisen verschiedenster Träger und Institute zur Situation geflüchteter Kinder und ihrer Familien finden Sie auf 
www.themennetzwerk-fluechtlingskinder.de


»Familien mit Fluchterfahrung in Kinderläden und Kitas. Wie schaffen wir eine Willkommensstruktur?«, heißt die neue Broschüre des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden e.V. Für den kostenfreien Download geben Sie den ersten Teil des Titels zusammen mit dem Stichwort »Daks« in die Suchfunktion Ihres Internetbrowsers ein. 

Das Grandhotel Cosmopolis in Augsburg beherbergt zu gleichen Teilen Übernachtungsgäste und Flüchtlinge. Mitte September erhält es von der Jury des Deutschen Städtebaupreises 2016 eine Prämierung. 
www.grandhotel-cosmopolis.org

 


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 08-09/16 lesen.
 


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