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Wie Spiel Menschen verbindet
Dieser Beitrag von Gerburg Fuchs erzählt von der Kraft des Spiels. Er geht der Frage nach, warum Spielen weit mehr ist als Beschäftigung oder Zeitvertreib. Spiel schafft Räume, in denen Menschen einander begegnen, Unterschiede aushalten und gemeinsam Neues entstehen lassen. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Veränderungen brauchen wir solche Räume – Orte, an denen Kreativität, Vertrauen und Mitverantwortung wachsen können.
Ein Fest des Spiels »Wollt ihr wissen, wer hinter der Maske steckt?« Mit dieser Frage beginnt Henry eine Spielzeit, die niemand geplant hat und deren Verlauf niemand vorhersagen kann. Mehr als zweihundert Kinder der ersten bis dritten Klassen der Grundschule Petershausen in Konstanz nehmen an dem Projekt »Spielraum – auf Zeit« teil. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Vormittag wirkt, entwickelt sich zu einem Erfahrungsraum, in dem Fantasie, Begegnung und gemeinsames Handeln im Mittelpunkt stehen. Für mich ist der »Spielraum – auf Zeit« deshalb weit mehr als ein Projekt. Er ist eine Einladung, Menschenrechte als gelebte Erfahrung zu verstehen. Freiheit, Würde, Gleichberechtigung und Teilhabe werden hier nicht erklärt, sondern im gemeinsamen Handeln erfahrbar. Der Zusatz »auf Zeit« ist bewusst gewählt. Er beschreibt einen begrenzten Zeitraum, in dem Menschen zusammenkommen, miteinander spielen und etwas entstehen lassen können, das vorher nicht da war. Für eine Weile entsteht ein Raum, in dem jede und jeder Ideen einbringen, Rollen ausprobieren und Beziehungen gestalten kann. Gerade weil dieser Raum vergänglich ist, besitzt er eine besondere Intensität.
Eine Aula voller Möglichkeiten
Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Schulaula. Im Raum stehen mehrere Koffer. In der Mitte liegt ein großer Haufen weißer Sofakissen. Es gibt keine Spielanleitung und keine Aufgaben. Nur Materialien und Zeit. Was würden Sie als Erstes tun? Als die Kinder den Raum betreten, dauert es nur wenige Augenblicke, bis sich überall unterschiedliche Spielwelten entwickeln. Ein Junge entdeckt einen Hut und einen Spazierstock. In einem anderen Koffer findet er ein Kleid, eine Halskette und einen Korb. Er steckt sich ein Kissen unter das T-Shirt, verändert seine Haltung und beginnt, mit einer anderen Stimme zu sprechen. Aus dem Kind wird eine Figur. Sie heißt »Kalle Malle«. Neben ihm rennt ein anderes Kind wie Superman durch die Aula. Hinter ihm fliegen Kissen durch die Luft. Innerhalb weniger Sekunden entsteht eine ausgelassene Kissenschlacht. Zwei Mädchen streiten um denselben Koffer, andere schleichen wie Tiger durch den Raum oder bewegen sich in Zeitlupe wie Faultiere. Wieder andere beobachten zunächst, bevor sie ihren eigenen Platz im Spiel finden. Von außen betrachtet wirkt dieses Geschehen zunächst chaotisch. Von innen erlebt man etwas ganz anderes. Die Kinder entwickeln ihre Spiele selbst. Sie erfinden Regeln, verändern sie wieder, schließen Bündnisse, lösen Konflikte und wechseln mühelos zwischen verschiedenen Rollen. Jede neue Idee verändert das Spiel der anderen. Aus vielen einzelnen Impulsen entsteht Schritt für Schritt ein gemeinsamer Spielraum.
Spielen heißt Beziehungen gestalten
Was im Spiel sichtbar wird, ist weit mehr als Fantasie. Kinder erkunden ihre Umwelt mit dem ganzen Körper. Sie erproben Nähe und Distanz, Stärke und Verletzlichkeit, Führung und Kooperation. Im Spiel erfahren sie, wie ihre eigenen Handlungen auf andere wirken. Sie lernen, Grenzen wahrzunehmen – die eigenen ebenso wie die der anderen. Diese Erfahrungen lassen sich kaum durch Erklärungen vermitteln. Sie entstehen im gemeinsamen Tun. Deshalb verstehe ich Spiel nicht als Pause vom Lernen. Spiel ist Lernen. Es ist eine Form des Forschens, des Ausprobierens und der Begegnung. Kinder entdecken nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst und die Menschen um sie herum. Genau darin liegt seine besondere Kraft.
Dem Spiel folgen
Eine der wichtigsten Fragen im »Spielraum – auf Zeit« lautet: Wie können Erwachsene der Regie von Kindern folgen, ohne das Spiel zu übernehmen? Die Antwort liegt in einer veränderten Haltung. Es geht nicht darum, das Spiel zu lenken oder möglichst schnell Lösungen anzubieten. Es geht darum, aufmerksam wahrzunehmen, was entsteht, und den Kindern zuzutrauen, ihren eigenen Weg zu finden. Kinder sprechen im Spiel zunächst die Sprache der Bewegung. Bevor sie etwas erklären können, zeigen sie es mit ihrem Körper. Eine Bewegung, ein Blick oder eine Geste kann Ausdruck von Freude, Unsicherheit, Neugier oder dem Wunsch nach Kontakt sein. Wer aufmerksam beobachtet, erkennt darin Geschichten. Mich interessiert deshalb nicht nur, was ein Kind tut, sondern auch, was hinter einer Handlung sichtbar wird. Welche Idee verfolgt es? Was möchte es ausdrücken? Welche Unterstützung braucht es, damit sein Handlungsspielraum größer wird? Spielbegleitung bedeutet nicht Kontrolle. Sie bedeutet Präsenz. Während der Kissenschlacht fliegen die Kissen durch den Raum. Wer von außen zusieht, erkennt vielleicht zuerst Unordnung oder Lautstärke. Wer mitten im Geschehen steht, erlebt etwas anderes: den Luftzug eines vorbeifliegenden Kissens, das Lachen, die Bewegung, die eigene spontane Reaktion. Der Körper antwortet, bevor der Verstand eine Erklärung findet. Der Atem verändert sich. Die Aufmerksamkeit richtet sich neu aus. Man wird Teil des Geschehens. In diesem Moment entsteht Verantwortung. Vielleicht reicht es, ein Kissen aufzufangen, den Blickkontakt zu einem Kind zu suchen und es zurückzuwerfen. Eine kleine Geste kann eine neue Richtung eröffnen. Das Spiel verändert sich, ohne dass es unterbrochen werden muss. Die Aufgabe der Spielbegleitung ist es, Räume zu schützen, in denen solche Prozesse möglich werden.
Gerburg Fuchs ist freischaffende Bewegungspädagogin, Kunstvermittlerin, Autorin und Filmemacherin. Sie lebt in Berlin und arbeitet an der Schnittstelle von Bildung und Kunstpraxis. Sie erforscht, wie ästhetische Prozesse Lernräume öffnen und gesellschaftliche Teilhabe fördern können. Ihre Arbeit orientiert sich an reformpädagogischen und kunstpädagogischen Traditionen, die Wahrnehmung, Kreativität und Reflexion als Lernziele begreifen.
Kontakt
www.gerburgfuchs.de



