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Wie freies Spiel gelingt
Dass Kinder im freien Spiel aufblühen, erlebt die Pädagogin und Fortbildnerin Barbara Bach täglich. Auf die Frage, warum das freie Spiel für die persönliche Entwicklung von Kindern eine »Superkraft« darstellt und wie wir es im pädagogischen Alltag fördern können, hat sie im Laufe der Zeit viele Erfahrungen und Antworten gesammelt. Um diese zu veranschaulichen, reflektiert sie Spielszenen aus ihrer Kita anhand fachtheoretischer Aussagen des Frühpädagogen Gerd E. Schäfer.
Fünf Raupen des Distelfalters wurden in die Kita geliefert. Tagtäglich besuchten die Kinder sie. Ihre Beobachtungen notierten wir in ein Tagebuch. Auch ihre Zeichnungen klebten wir dort ein. Regelmäßig staunten wir über das Vorwissen einiger Kinder. Sie konnten z.B. Raupen von Würmern unterscheiden oder wussten, wovon sich Raupen ernähren. Wenn sie stolz ihr Spezialwissen äußerten, fiel uns jedoch auch auf, dass die einzelnen Fakten wenig miteinander verbunden waren. Selten wurde etwas weiter durchdacht. Überlegungen kamen ins Stocken.
Wer spielt?
Modelle von Entwicklungsphasen – Ei, Raupe, Puppe, Schmetterling – sind beliebt. Sie sollen Kinder dabei unterstützen, die verschiedenen Phasen zu unterscheiden. Auch in unserer Kita gibt es ein solches Modell, allerdings mit jeweils nur einem Modell für jede der vier Phasen. Den Kindern schien das nicht auszureichen. Sie begannen, die fünf echten Raupen nachzubilden. Am Ende entstanden Ton-Raupen, Gabelstrick-Raupen, Krepppapier-Raupen, Pfeifenputzer-Raupen und Knete-Raupen. Sowohl die lebenden als auch die nachgebildeten Raupen bekamen Namen: Super-Raupi, Elsa-Raupi, Graui, Herzi und Toni. Mama-Raupa, Papa-Raupa und Baby-Raupa. Im Theorieteil einer Fortbildung zum Bildungsbereich Ökologie berichtete ich den Teilnehmer:innen von unserem Raupenzuchtprojekt. Unmittelbar kamen ihnen die Modelle von Entwicklungsphasen in den Sinn und dass die Kinder bei einem solchen Projekt lernen, für die Ernährung von Tieren zu sorgen und angemessene Habitate zu bauen und darüber hinaus ein Verständnis von Transformationen und Kreisläufen in der Natur zu entwickeln. Jeder Überlegung stimmte ich zu. Anschließend stellte ich eine Frage in den Raum – »Welche dieser Aspekte dienen den Kindern, mit denen wir arbeiten, wirklich?« – und erzählte den Fortbildungsteilnehmer:innen vom Verlauf unseres Projekts und von drei Spielsequenzen.
Spielsequenz 1: Drei Kinder spielen mit drei aus Wolle hergestellten Raupen: Mama Raupa geht morgens zur Arbeit, Papa Raupa bringt Baby-Raupa in die Raupen-Kita. Dort trifft Baby-Raupa seine beste Raupenfreundin Herzi. Gemeinsam frühstücken Raupe Herzi und Baby-Raupa im Bistro, dann gehen sie ins Atelier und basteln Blümchen. Toni-Raupe kommt immer wieder und ärgert sie. Herzi und Baby-Raupa wehren sich. »Wie gestern unter den Kindern!«, denke ich.
Spielsequenz 2: Zwei Mädchen haben das Modell des Schmetterlings und das der Raupe mit in den Rollenspielraum gebracht. Zunächst spielen sie hier Zoo – sie sind »Zoofrauen« und versorgen die Zoo-Raupen. Im Spiel wird jede Modell-Raupe in einen kleinen Spielkochtopf gesetzt, dazu kommt eine Vielzahl an Holz-Lebensmitteln – eine kleine Milchflasche, Pizzaecken, Schokolade. Später erzählen mir die Mädchen, dass sie jetzt beide »Mama werden« und zeigen kurz die Distelfalter-Figuren, die sie unter ihren T-Shirts tragen. Nach einiger Zeit werden die Distelfalter geboren. »Jetzt sind wir eine richtige Familie – Mutter, Vater und Kinder!«, erklären sie mir. »Hey, dann musst du jetzt aber der Papa sein!«, erklärt das eine Mädchen. Das andere Mädchen weint. »Ich möchte die Mama sein!«, sagt sie dabei. Nach einigem Hin und Her entscheiden die Mädchen, abwechselnd die Mutter zu spielen.
Spielsequenz 3: Eine Mutter berichtet vom Familien-Wochenende. Sie und ihr Kind haben in Schlafsäcken im Zelt übernachtet. Am frühen Morgen erschrickt sie beim Blick aus dem Zelteingang. Mitten auf der Wiese sieht sie das Kind. Es robbt ausdauernd im Schlafsack über Stock und Stein. Der Boden ist matschig, Kind und Schlafsack ebenfalls. Die Mutter erzählt: »Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren soll!« Sie habe dann gerufen: »Was machst du mit dem guten Schlafsack auf der dreckigen Wiese?« »Mama! Ich bin doch eine Raupe! So ist doch die Natur, und ich bin jetzt eine echte Raupe in der echten Natur!«, hat das Kind geantwortet.
Die Erzieher:innen hatten mit dem Projekt »Raupenzucht in der Kita« vor allem den Erwerb von Fachwissen rund um Raupen und Schmetterlinge verbunden. Wie aber sind Spielszenen wie die beschriebenen zu bewerten? Wir Erwachsenen wissen es doch besser: Raupen gehen nicht zur Arbeit, sie besuchen keine Kitas, sie leben nicht in Spielkochtöpfen, sie werden nicht von Kindergartenkindern geboren. Stören freie Spielprozesse den »richtigen« Wissenserwerb? Einige Teilnehmer:innen scheinen diese Ansicht zu vertreten. Sie schlagen vor, den Kindern gute Bücher über die Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling vorzulesen, um ihre Vorstellungen zu korrigieren. Anschließend könnten die Kinder entsprechende Arbeitsblätter ausfüllen. Im Rollenspielraum könne man den Kindern erklären, dass Kochtöpfe keiner artgerechten Raupenhaltung entsprechen. Ich verteilte den Fachartikel »Kinder sind von Beginn an notwendig kreativ« des Frühpädagogen und wichtigen Akteurs für Selbstbildungsprozesse Gerd E. Schäfer1.
Barbara Bach arbeitet als Erzieherin in einer Kölner Kita und ist als freiberufliche Fortbildnerin und Dozentin mit Schwerpunkt auf frühkindliche Bildungsprozesse tätig. Ab Mitte der 2000er-Jahre war sie Teil einer Forschungsgruppe um den Frühpädagogen Gerd E. Schäfer.
Kontakt
1 Schäfer, G.E. (2008): Kinder sind von Anfang an notwendig kreativ. Auf https://www.liga-kind.de/fk-408-schaefer/ (02.06.26)



